Eingeladen werden Teckids e.V. Logo

Redaktionelle Beiträge von Mitgliedern des Teckids e.V.

All 1 2

Auf der diesjährigen re:publica in Berlin habe ich viele spannende Vorträge besucht. Besonders - sowohl im privaten Interesse als auch im Interesse des Vereins - habe ich insbesondere pädagogische und didaktische Vorträge besucht.

Noch kurzfristig fiel mir dann ein Vortrag auf, der für heute um 13:45 Uhr geplant war: "Zahnbürste oder Longboard!" von Lorenzo Tural Osorio, einem zwölfjährigen Jungen aus Nürnberg.

An dieser Stelle muss ich mich vor allem bei Lorenzo entschuldigen, denn ich hätte von diesem Vortrag prinzipiell alles erwartet. Die etwas "alles aber nichts"-sagende Beschreibung der Session warf die Frage auf, was denn davon zu halten sei - ein Zwölfjähriger, der sich für einen Consultant hält?

Lorenzos Vortrag begann dann in einem vollkommen überfüllten Raum mit der Vorstellung des Jungen - eines Jungen, der einfach die Faszination und die sozialen Möglichkeiten des Internets entdeckt hat und seine Begeisterung in den Grenzen seiner Möglichkeiten auslebt. Und vor allem ehrlich, offen und natürlich davon erzählt - nicht, weil es mit seinen Fähigkeiten angeben möchte, sondern einfach, weil er gerne er selbst ist und andere das erfahren lässt.

Genau das spiegelte sich dann auch in den Reaktionen des Publikums. Lorenzo erzählte einfach aus seinem Leben, in dem er soziale Netzwerke anders entdeckt halt als viele seiner Altersgenossen. Und er tut es genau so, wie er jeden Tag lebt - frei und als ganz normaler Zwölfjähriger, eben mit einem ernsthaften Hobby. Das Publikum lacht ausgelassen über Lorenzos Sprüche - was er gar nicht versteht, denn er kommt nicht in der Absicht, besonders komisch zu sein. Er begreift erst später, dass genau seine natürliche und unverbrauchte Art das ist, was die Besucher der re:publica heute noch zur Abrundung brauchten. Und damit wird er, vor Ort als auch auf Twitter, zum besten Speaker und der "coolsten Socke" der Veranstaltung gewählt.

Lorenzo hätte, da bin ich mir sicher, auch eine halbe Stunde über Social Media-Strategien erzählen können. Das hätte die Fachwelt begeistert, aber ich bin froh, dass er es nicht getan hat. Denn was er uns gezeigt hat, ist deutlich wichtiger - die Fähigkeit, reflektierend und gezielt mit den Werkzeugen der Online-Welt umzugehen und sie in sein Leben zu integrieren, ohne dabei abzudrehen.

Umso mehr habe ich mich gefreut, Lorenzo nach seinem Vortrag noch zu einem Interview bitten zu dürfen. Bevor ich noch lange rede, kommen wir lieber zur Sache!


Nik

Ja, ich weiß schon, wer du bist; du bist der Lorenzo, aber vielleicht magst du dich trotzdem nochmal kurz vorstellen?

Lorenzo

Ich bin Lorenzo Tural Osorio, bin zwölf Jahre alt und mache Facebook schon seit ich acht, neun Jahre alt bin. Ich hab da Seiten erstellt, aber das könnt ihr ja alles auf Facebook nachschauen.

Nik

Das war ja vorhin eigentlich auch die Einleitung von deinem Vortrag, dass du da ein paar Infos über dich selbst stehen hattest und gesagt hast, "ja hier lest doch, warum soll ich das jetzt erzählen" … das war glaube ich das erste Mal, wo das Publikum richtig gelacht hat. Das hat dich gewundert und das wollte ich dir vorab mal eben kurz erklären. Ich glaube, dass du ganz einfach einer der natürlichsten Speaker hier auf der re:publica warst. Auch, wenn die meisten anderen Speaker natürlich ihren Talk anders vorbereiten und einen anderen Anspruch haben, hast du glaube ich in deiner halben Stunde mehr gesagt als zum Beispiel das Gebrabbel vom David Hasselhoff am ersten Tag. Das war glaube ich der Grund, warum sich alle so gefreut haben über deinen Vortrag.

Lorenzo

Die anderen haben sich, glaube ich, manchmal so ein bisschen verstellt, dass sie absichtlich so ihre Art haben raushängen lassen. Ich hab einfach so gesprochen.

Nik

Also, seit du neun bist, bist du im Internet unterwegs und wir haben jetzt hauptsächlich gehört, dass du dich in sozialen Netzwerken betätigst. Was ist denn das Internet für dich eigentlich?

Lorenzo

Für mich ist das Internet eine Möglichkeit, sich zu verbinden. Da wären wir schon wieder bei Facebook. Für mich ist das aber eigentlich einfach Normailität, da gibt es nicht so einen richtigen Begriff für.

Nik

Würdest du dich eher als Internetheimischer sehen, also, lebst du quasi im Internet, oder lebst du eigentlich so dein normales Leben und machst nebenbei mal ein bisschen was im Internet?

Lorenzo

Das ist so fifty-fifty. Ich habe natürlich auch ein real life, aber Internet ist eigentlich schon so mein zu Hause. Ich verstelle mich da aber auch nicht, ich bleibe einfach natürlich wie immer.

Nik

Du hast also mit neun Jahren angefangen, dir ganz viel selber beizubringen. Du bist jetzt zwölf, wirst dieses Jahr dreizehn, wenn ich richtig gerechnet habe und du erklärst sowohl Gleichaltrigen als auch Erwachsenen die Welt - also die Online-Welt. Wie bsit du dazu gekommen, dass Leute auf dich gehört haben? Also, dass Leute gesagt haben: "Bring mir mal was bei"?

Lorenzo

Am Anfang war es so, dass ich meine Seiten selber gemacht habe, und dann hat jemand gefragt: "Lorenzo, weißt du zufällig, wie das geht", und dann hat sich das von selbst entwickelt.

Nik

Es gibt glaube ich viele junge Leute in deinem Alter, die eine ganze Menge können, einige haben aber die Probleme, dass sie nicht ernst genommen werden. Hast du das auch schon mal erlebt, dass Erwachsene oder auch Gleichaltrige mit dem, was du kannst, nicht ernstgenommen haben?

Lorenzo

Nein, überhaupt nicht. Ich kenne Freunde, die, weil sie irgendeinen Schrott posten, dann nicht ernst genommen werden. Aber bei mir ist es so, ich mache ja was Ernstes und deswegen habe ich keine Probleme damit.

Nik

Und wenn du jetzt auf Leute zugehst? Du merkst zum Beispiel, die Blumenhändlerin aus dem Nachbarort, die hat da so überhaupt keine Ahnung von, gehst du dann auch direkt auf Leute zu und fragst, ob du ihnen das mal zeigen sollst?

Lorenzo

Ne ne, die müssen auf mich zukommen, weil ich gehe jetzt nicht zu Leuten und sage: "Hey, deine Facebook-Page ist voll für den A…". Die sollen schon von selbst auf mich zukommen.

Nik

Wie sieht es denn für dich mit der Technik aus? Bei uns geht es hauptsächlich darum, dass Kinder und Jugendliche Anderen technische Sachen beibringen, dazu gehören soziale Netzwerke jetzt vielleicht auch so ein bisschen, aber mit was für Technologien hast du dich denn im Internet schon mal beschäftigt?

Lorenzo

Richtige Websites habe ich eigentlich bisher nur meine eigene gemacht und meinem Vater halt dabei geholfen, dass seine gut aussieht, auch für die jüngere Zielgruppe. Sonst habe ich mich noch nicht so stark mit HTML und sowas auseinandergesetzt.

Nik

Wie hast du das gemacht mit deiner Website, wie hast du die gebaut?

Lorenzo

Mit Joomla.

Nik

Ok, und das hast du selber gemacht?

Lorenzo

Mein Vater hat mir schon dabei geholfen. Ich kann ja jetzt nicht einfach mal ein Template kaufen gehen oder so. Aber die Inhalte habe ich alle selber erstellt.

Nik

Du siehst dich da also eher im Marketing, also mit Texten, sorgst dafür, dass Sachen gut ankommen und so?

Lorenzo

Ja, also eher so Beratung.

Nik

Was machst du denn sonst noch, wenn du jetzt nicht vor dem Computer sitzt; was machst du dann so mit deinen Freunden?

Lorenzo

Mich mit meinen Freunden treffen und mit ihnen über Facebook reden (lacht); ich spiele manchmal Basketball und fahre Longboard. Das ist ja auch der Titel von meinem Talk, "Zahnbürste oder Longboard". Ansonsten kenne ich meine Hobbies jetzt nicht so bewusst. Vielleicht mache ich was oft, aber ich kann es jetzt nicht nennen.

Nik

Die Antwort auf die eine Frage bist du uns ja auch noch schuldig geblieben: Zahnbürste oder Longboard? In welcher Reihenfolge kommen denn Internet, Zahnbürste und Longboard jetzt für dich?

Lorenzo

Das ist für mich eigentlich alles gleich wichtig. Also, es ist schon immer wichtig, dass man gesunde Zähne hat, und jetzt ist es schon fast so wichtig, dass man eine gute Facebook-Page hat. Also, es ist jetzt beides so gleichgestellt.

Nik

Also, du benutzt auch alle drei Sachen gleich viel, Internet, Zahnbürste und Longboard?

Lorenzo

Naja, ich benutze sogar das Internet mehr als meine Zahnbürste (lacht).

Nik

Gut, danke, Lorenzo!


Dem einen oder anderen wird auffallen, dass ich Lorenzo die ganze Zeit die Nutzung von Facebook und anderer proprietärer Dienste durchgehen lasse. Das kennt man von mir so nicht - aber das ist ganz einfach: Im Gegensatz zu den meisten anderen hat Lorenzo seine Werkzeuge verstanden (und verstanden, dass es Werkzeuge sind). Er benutzt Dienste, um eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Dagegen spricht nichts, und wir brauchen in unserer Welt nicht nur Freie Software-Kämpfer und Revolutionäre, sondern auch kreative, junge Menschen, die sich genau so gerne die Zähne putzen, wie sie sich und andere im Internet bekannt machen.

Natürlich fände ich es toll, wenn jeder Jugendliche mit Themen wie freien Standards, vertrauenswürdigen Plattformen und der Tatsache, dass eben nichts egal ist, vertraut wäre. Aber die Persönlichkeitsentwicklung dadurch, das tun zu dürfen, was einem liegt und Spaß macht, darf erst einmal nicht unterschätzt werden, auch wenn es vielleicht an unseren Prinzipen kratzt.

Aber wer weiß, vielleicht hat unser Verein ja bald einen neuen Social Media-Berater ☺‽